E-Mails an die Leser: Steuerdaten-CD-Verkäufer
Verfasst am 7. Februar, 2010.
Kategorie: E-Mails an die Leser, Gesellschaft, Kommentar, Politik | Kommentar verfassen
Liebe Steuerdaten-CD-Verkäufer,
eine ganze Weile unterhaltet ihr jetzt schon die gesamte Republik aufs Beste. Besser als es Jörg Pilawa, Markus Lanz, Elton oder Günter Jauch jemals könnten, habt ihr ganz Deutschland mit der Frage rätseln lassen: darf der Staat mit verbrecherischen Mitteln auf Verbrecherjagd gehen?
Überragend war dabei vor allem der Mitmachfaktor. Jeder, der das Schulfach "Ethik" wenigstens ein Halbjahr lang belegt hatte, durfte sich als Moraltheorie-Experte aufspielen. Jeder, der zu Hause ein Bürgerliches Gesetzbuch rumstehen hat, durfte sich in wenigstens einem Internet-Forum zum Staatsrechtler erklären.
Besser als die Titanic-Redaktion habt ihr es auch geschafft, eine ganze Reihe von Politikern zu demaskieren. So durfte man über Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CDU) staunen, der erst mehrere Gutachten braucht, um einzusehen, dass es nicht richtig ist, über 100 Zivilisten wegen ein paar Liter Diesel niederzubomben, aber sofort ein "Problem damit hat", "wenn man für etwas, das auf rechtlich fragwürdigem Wege in jemandes Besitz gelangt ist, Geld ausgibt".
Auch die Doppelmoral von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) habt ihr offenkundig gemacht. Der kauft nämlich lieber ein paar "Taliban-Terroristen" (Zitat: ARD) mit öffentlichen Geldern ihre gestohlenen Waffen ab, als dass er sich zum "Mittäter von Dieben" macht.
Jetzt, liebe Steuerdaten-CD-Verkäufer, ist es aber allmählich auch mal gut. Die erste Daten-CD, die ihr Nordrhein-Westfalen angeboten habt, war ja eine Riesen-Idee. Die zweite Ausgabe, die an Baden-Württemberg ging, war auf jeden Fall noch im dortigen Landtag der Brüller, weil er die CDU/FDP-Koalition als urkomische Chaostruppe zeigte. Die dritte Disc, die ihr jetzt an die Bayern verhökern wollt, ist aber allmählich zuviel.
Denn eins ist jawohl klar: Auch in einem moralisch zerrütteten Land wie der Bundesrepublik Deutschland gibt es nur eine gewisse Menge an Steuerhinterziehern. Genauso wie es nur eine gewisse Menge an Beatles-Hits gibt. Und wer sich drei verschiedene Best-Of-Alben der Beatles kauft, wird ziemlich schnell feststellen, dass eigentlich auf allen drei CDs immer dieselben Lieder drauf sind.
Und wenn wir in Deutschland auch gerne ein paar Millionen Euro locker machen, damit endlich mal einige kriminelle Millionäre Federn lassen müssen, zahlen wir nicht gerne für ein- und dieselben Daten doppelt und dreifach. Rückt die nächsten CDs darum entweder gegen Gewinnbeteiligung raus, oder behaltet sie für euch. Denn mehr als drei Katzen im Sack kann sich auch die deutsche Steuergerechtigkeit nicht leisten.
Liebe Grüße,
Eure narragonien.de-Redaktion.
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